Buddhistische Belehrung - 9. Juni 2018

Die Tibetische Frauenorganisation in der Schweiz organisierte am 9. Juni 2018, in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich-Aussersihl, eine buddhistische Belehrung. Dafür luden wir Khen Rinpoche la (Abt des Tibet-Instituts Rikon) dazu ein, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern praktische und leicht verständliche Ratschläge zur Bewältigung des hektischen Alltags durch Anwendung der buddhistischen Lehre und Philosophie zu geben. Dabei wurde vorallem die Belehrung von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima behandelt. Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima war ein tibetischer Dzogchen-Meister und Gelehrter der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus.

 Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima (Tib. རྡོ་གྲུབ་ཆེན་འཇིགས་མེད་བསྟན་པའི་ཉི་མ་)

Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima (Tib. རྡོ་གྲུབ་ཆེན་འཇིགས་མེད་བསྟན་པའི་ཉི་མ་)

von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima

Du wirst Vorbereitungen treffen müssen, bevor es an der Zeit ist, zu sterben. Dazu gehören viele Aspekte, doch ich werde hier nicht zu sehr ins Detail gehen. In Kürze solltest du, wenn der Moment des Todes naht, Folgendes tun. Sage dir wieder und wieder:“Ob der Tod nun früher oder später kommt, letztlich bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Körper und all meinen Besitz aufzugeben. Und das gleiche trifft auf die gesamte Welt zu.“

Mit solchen Gedanken durchtrenne die Fesseln von Verlangen und Anhaftung vollständig. Bekenne alle schädlichen Handlungen, die du in diesem und all deinen anderen Leben begangen hast, sowie alle Verletzungen und Brüche von Gelübden, die du vielleicht verursacht hast, wissentlich oder unwissentlich, und gelobe wiederholte Male zukünftig nicht mehr auf solche Weise zu handeln.

Sei nicht beunruhigt oder ängstlich im Hinblick auf den Tod. Versuche lieber dir Mut zu machen und ein echtes Gefühl von Freude zu entwickeln, indem du dir alle positiven und tugendhaften Dinge ins Gedächtnis rufst, die du in der Vergangenheit getan hast. Beglückwünsche dich ohne eine Spur von Stolz oder Arroganz immer wieder zu allem, was du erreicht hast. Widme all deine Verdienste und rezitiere immer wieder Wunschgebete, so dass du in all deinen zukünftigen Leben imstande sein wirst, dir den vollständigen Pfad des höchsten Fahrzeugs zu Herzen zu nehmen, unter der Führung eines spirituellen Freundes und mit Qualitäten wie Vertrauen, Eifer, Weisheit und Gewissenhaftigkeit – mit anderen Worten, mit den allerbesten Umständen, sowohl Äußeren, als auch Inneren. Bete, dass du niemals unter den Einfluss übelgesinnter Gefährten oder zerstörerischer Gefühle gerätst.

In den Texten des Vinaya wird erklärt, dass eine der Hauptursachen für die Erlangung der höchsten Form von Wiedergeburt, z.B. als jemand, der in der Gegenwart des Buddha ein diszipliniertes Leben führt, darin besteht, im Moment des Todes Gebete zu sprechen und Wünsche zu formulieren. Aus diesem Grund wird gesagt, „was immer das Nächste und was das Vertrauteste ist“ wird von enormer Kraft sein. [1]

Jedem Wunsch und jedem Bestreben, das du formulierst, solltest du zusätzliche Schubkraft geben, indem du auf entschlossene Weise gelobst: „In all meinen Leben werde ich alles Erdenkliche tun, um mich auf dem Pfad von Leerheit, dessen Essenz Mitgefühl ist, zu üben!“ Um dir die Wichtigkeit dieses Entschlusses bewusst zu machen, stell dir vor, um wie viel wirksamer es ist, wenn du dir entschieden sagst: „Ich werde früh am Morgen aufwachen!“, als einfach nur den Wunsch zu hegen, „möge ich früh aufwachen.“

Damit deine Gebete oder Absichten schneller in Erfüllung gehen, ist es äußerst hilfreich, dich auf eine Verkörperung spiritueller Kraft zu stützen. Rufe dir daher denjenigen ins Gedächtnis, zu dem du die größte Hingabe verspürst, sei es Guru Rinpoche, der glorreiche Meister aus Oddiyana, oder der edle Avalokiteshvara, der Herr der Welt, und mit zuversichtlichem Vertrauen, dass er oder sie die Verkörperung aller kostbaren Quellen der Zuflucht ist, bete einsgerichtet um die Erfüllung deiner Wünsche.

Im Moment des Todes selbst wird es dir schwerfallen, genügend geistige Kraft aufzubringen, um über etwas Neues oder Unvertrautes zu meditieren, darum musst du bereits vorher eine geeignete Meditation wählen und dich darin üben, bis du damit vertraut geworden bist. Wenn du dann dahinscheidest, solltest du deine Gedanken so intensiv wie möglich auf diese Meditation richten, ob es sich dabei um die Erinnerung an den Buddha, die Konzentration auf Mitgefühl, das Kultivieren der Sicht von Shunyata oder die Erinnerung an das Dharma oder die Sangha handelt. Damit dir dies gelingt, ist es ebenfalls wichtig, dass du dich im folgenden Denken geübt hast: „Da ich jetzt den kritischen Moment des Todes durchschreite, werde ich keinem einzigen negativen Gedanken erlauben in meinen Geist einzutreten.“

Die Heiligen der Vergangenheit hatten ein Sprichwort: „Besser, als viele tugendhafte Handlungen, ausgeführt mit einem dumpfen, umwölkten Geist, ist eine einzige tugendhafte Tat, vollbracht mit geistiger Klarheit.“ In diesem Sinne wird all deine Praxis wesentlich wirkungsvoller sein, wenn du zuvor mit aller Kraft ein Gefühl von Inspiration und Freude entwickelt hast.

Obwohl es für solche wie mich schwierig ist, anderen von Nutzen zu sein, werde ich Verse der Zuflucht rezitieren und dafür beten, dass du in all deinen zukünftigen Leben den Mahayana-Lehren folgen mögest.
– Geschrieben von Einem namens „Furchtloser“ (Jigmé)

- Ins Englische übersetzt von Adam Pearcy. Im Gedenken an Ian Maxwell
- Ins Deutsch von Bhiksu Thich Hanh Tan.

[1] Mit anderen Worten: Die Gedanken, die wir im unmittelbaren Moment des Todes haben und solche, mit denen wir im Leben am vertrautesten waren, werden den größten Einfluss auf die Bestimmung unserer Wiedergeburt haben.